Einblicke in die Geschichte

La jënt - Die Bevölkerung

Die hohe Bevölkerungsdichte im Grödnertal sorgte bereits um 1800 für Erstaunen, so wundert sich Josef Steiner, Pfleger von Kastelruth:

Kaum scheint es möglich, daß in diesem Erdenwinkel, dessen Flächeninhalt nicht einmal eine deutsche Meile beträgt, von dem ein großer Theil kahler Felsengrund, und der übrige kalter, steiler Boden ist, sich so viele Menschen nähren können.

Damals zählte man im ganzen Tal an die 3.500 Einwohner und es hat ganz den Anschein, als wäre damit die Ackernahrungsmittelgrenze erreicht worden. Nur Spielzeugindustrie, Hausierhandel und Abwanderung machten diesen hohen Bevölkerungsstand möglich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheint die Einwohnerzahl leicht zurückgegangen zu sein, um dann erst wieder 1860 ihren ursprünglichen Stand zu erreichen. Damals waren viele Bergtäler Tirols Abwanderungsgebiete, so auch die Dolomitentäler. Generationen von Ladinern, v.a. jene aus dem Fassa- und dem Gadertal, verdingten sich als Knechte und Mägde, Dienstboten, Handwerker oder Tagelöhner in Deutschtirol. Ab den 1870ern bewirkten die florierende Bildhauerei und der aufkommende Fremdenverkehr in St. Ulrich ein rasches Ansteigen der Talbevölkerung, doch beschränkte sich das Bevölkerungswachstum zunächst noch ausschließlich auf den Hauptort St. Ulrich, wo sich die Bevölkerung von 1870 bis 1914 regelrecht verdoppelte! Dies war nicht nur Folge höherer Geburtenzahlen, sondern auch einer verstärkten Zuwanderung. So ließen sich in jenen Jahren Handwerker aus St. Christina, Wolkenstein, dem Gadertal oder gar aus fernen Gegenden, wie Böhmen und Mähren, in St. Ulrich nieder. Der Bevölkerungsanstieg setzte somit in Gröden viel früher ein als in den anderen Dolomitentälern. Diese blieben lange in ihren agrarischen Strukturen verwurzelt und lernten erst später einen allgemeinen Wohlstand kennen.

Für St. Christina liegen erste genauere Bevölkerungszahlen für das Jahr 1846 vor: 799 Einwohner zählte damals die Gemeinde. Bei der letzten Zählung unter Österreich (1910) schienen 851 Einwohner, bei der ersten italienischen Volkszählung (1921) 854 Einwohner auf. Mit ihren rund 800 Einwohnern blieb die Bevölkerung während des 19. Jahrhunderts und bis in die 1920er nahezu konstant. Erst in der Zwischenkriegszeit machte sich ein deutliches Bevölkerungswachstum bemerkbar. Die Talbevölkerung nahm zwischen 1921 und 1951 sehr stark zu, nur der Bozner Raum konnte einen noch höheren Zuwachs verzeichnen. Mit dem Massentourismus setzte dann in den 1960ern ein letztes starkes Wachstum ein. Erst seit den 1980ern wächst die Bevölkerung langsamer, ein Zeichen dafür, dass sich moderne Bevölkerungsweise allmählich auch in Gröden bemerkbar macht.

Heute zählt die Gemeinde St. Christina an die 1.900 Einwohner. Bei der letzten Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung (2001) erklärten sich 91,20% ladinischer Muttersprache, womit St. Christina als die „ladinischste“ aller Grödner Gemeinden gelten kann. Außer im Grödnertal ist die ladinische Sprache noch im Gadertal, im Fassatal, in Buchenstein, in Cortina d’Ampezzo, in Friaul und Graubünden lebendig. Sie bildet eine eigenständige neolateinische Sprache, die auf die rätische Sprache der Alpenbewohner und auf das Volkslatein der römischen Soldaten zurückzuführen ist. Noch im frühen Mittelalter erstreckte sich der Lebensraum der Ladiner vom Quellgebiet des Rheins über Vorarlberg, Nord- und Südtirol, zum Südabfall der Alpen bis zum Isonzo. Während das Ladinische in den Haupttälern allmählich verdrängt wurde, konnte es sich in der Abgeschiedenheit der Dolomitentäler bis heute erhalten.

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