Einblicke in die Geschichte

L lëur da paur - Die Arbeit in der Landwirtschaft

Jahrhundertelang lebte die Bevölkerung des Tales von der Landwirtschaft. Die klimatisch begünstigte Viehhaltung war stets bedeutsamer als der Getreideanbau. In den Gemeinden St. Christina und Wolkenstein scheint die Viehmast im 19. Jahrhundert ein lukratives Geschäft gewesen zu sein, so berichtet Vian:

Gute Weiden gegen Comun hin und einige unter dem Sàs plàt gelegene Alpenwiesen erleichtern den Gemeindeinsassen die Viehzucht und den Viehhandel, der den Besitzern einen jährlichen Gewinn abwirft.

Die Gemeinde St. Christina verfügt über weite Almen auf Mont Sëura, Ciandevaves, Mastlé und Cisles. Jeden Sommer erfolgte die almwirtschaftliche Nutzung, die in den Alpen Jahrtausende zurückreicht. Das Vieh wurde auf die weiten Wiesenmatten hinaufgetrieben, wo unter imposanten Bergmassiven die besten Kräuter wuchsen: Die Berge und das Läuten der Kuhglocken gehörten zusammen. Die Weiderechte waren streng geregelt. Jeder Ortsteil konnte bestimmte Gebiete nutzen. Viele stellten auch ihr Vieh in den fremden Ställen auf der Schattenseite ein. In den 1860ern wurden noch alljährlich an die 200 Ochsen auf die sog. „Kristinerweiden“ unterhalb des Langkofels getrieben, außerdem

gegen 450 Kühe von der schönsten bairischen Race“, die (nach Vians Schilderung) „ in den dortigen Sennhütten von einer gewöhnlich alten, meistens unfreundlichen und mißtrauischen Schwaigerin gemolken

wurden.

Der autarke Bergbauernhof war jedoch auch auf die Versorgung mit eigenem Brotgetreide angewiesen. Jahrhundertelang wurden dem Boden seine kargen Erträge abgerungen, wobei die hohe Lage des Tales und die damit verbundene kurze Vegetationszeit von großem Nachteil war. Obst-, Weinbau und ein nennenswerter Weizen- und Buchweizenanbau waren unmöglich. Auch Roggen, Hafer und Gerste konnten nicht immer vollständig ausreifen. Oft mussten die Garben auf dem so genannten „palancin“, dem Söller am Stadel, zum Nachtrocknen ausgebreitet werden. Meistens war der Ertrag gering, in manchen Jahren entfiel er vollkommen. Auch Kraut, Rüben und Kartoffeln mussten so manches Jahr bei der Ernte aus dem Schnee herausgehackt werden. Bereits um 1800 musste etwa die Hälfte des Bedarfes an Brotgetreide durch Importe aus den Nachbargemeinden (Lajen, Kastelruth) gedeckt werden. Kein Wunder, dass die Grödner durch allerlei Nebenerwerbe versuchten sich einen Unterhalt im Tal zu sichern.

Bis ins 20. Jahrhundert stellte die Landwirtschaft für den Großteil der Menschen den Haupterwerb dar. Eine Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz, zwischen Arbeitszeit und Freizeit gab es nicht, das „Wirtschaften“, beanspruchte den Großteil der Zeit. Rund um die Uhr wurde gewirtschaftet, Arbeiten und „Werkeln“ um Haus und Stall bestimmten das Leben.

Tages- und Jahresrhythmus waren auf die Natur abgestimmt: Im Frühjahr wurden die Äcker bestellt, der Mist auf die Felder geführt („spander chetum“), durch das so genannte „Erdgratteln“ („tré tiera“) die während des Jahres talwärts gerutschte Ackerkrume mühsam wieder an den oberen Ackerrand transportiert. Es folgten Pflügen („pué“), Eggen („arpië“), Säen („sené“) und schließlich, wenn das Wetter günstig war, die lang ersehnte Ernte. Auch Kartoffelfelder mussten bestellt, Gärten angelegt und gepflegt werden. Der Heuernte („sië fën“) im Tal folgte einige Wochen später, gewöhnlich kurze Zeit nach dem Kirchtag von St. Christina, die Bergmahd. Die Zeit auf der Alm war alljährlich eine willkommene Abwechslung im mühsamen Alltag der Bergbauern. Ladinische Volkslieder bringen dies deutlich zum Ausdruck:

Ce bel che l ie sa mont, tamesa l’instà canche dut flëur y canche l vën sià.

Wie schön es doch auf der Alm ist, mitten im Sommer, wenn alles blüht und wenn gemäht wird.

Schon einige Zeit vorher packte die Bäuerin die Sachen, die auf der Alm benötigt wurden, zu einem Bündel zusammen: etwas Gerstenmehl, Salz, ein schönes Stück Speck, Käse, Schmalz, Besteck. Dann zog man hinauf zu den Almwiesen, wo das Gras unter den gewaltigen Bergmassiven schon in voller Höhe stand. Der Bauer reparierte noch das Werkzeug und bereitete sorgfältig alles für die nächsten Tage vor. Diese waren von anstrengender Arbeit geprägt: Nach einem stärkenden Frühstück, zumeist in Milch gekochte Teigklumpen („papaciuei“), nahm man Sense, Wetzstein und Kumpf und begab sich hinaus auf die steilen Bergwiesen. Jedem Mäher („setëur“) stand eine Recherin („rëstla“) zur Seite, die (laut Moroder) „nicht selten sein Schatz ist oder es wird“. War die Arbeit getan, traf man sich in den Kochhütten („medél“). Dann wurde musiziert, zum Spiel der Mundharmonika getanzt oder so mancher Streich ausgeheckt. Spiele, zumeist mit Bußaufgabe für den Verlierer, sorgten für eine lockere Stimmung. Vor allem am Freitag Abend ging es lustig her. Waren die Almwiesen endlich gemäht, lud der Bauer die Arbeiter am Sonntag zum „gusté da mont“, einem tüchtigen Mahl ein. Nach dem Nachmittagsgottesdienst zogen Mäher und Recherinnen paarweise ins Wirtshaus, „wo der junge Bursche die in der vergangenen Woche hart verdienten Kreuzer einer geschwätzigen Kellnerin für Wein und Caffee barreicht“.

Spätestens am Montag nach dem Kirchtag von St. Jakob traf man sich in St. Ulrich auf dem größten Markt des Tales („marcià de Segra Sacun“). Dann schenkte der Mäher seiner Recherin eine Birne - ein Brauch der sich bis heute erhalten hat, wenn auch in abgewandelter Form. Wohl wenige unter all jenen, die Birnen verschenken bzw. geschenkt bekommen, können heute noch mähen oder rechen.

Im September wurden die Talwiesen ein zweites Mal gemäht (Grummeternte, „sië diguei“). Das Mähen und der Transport des getrockneten Grases waren wegen der Steilheit der Hänge eine mühselige Angelegenheit. Große Heubündel („linzuel da fën“), zum Teil über 80 kg schwer, wurden auf dem Kopf in die Tenne („tublà“) getragen. Im Herbst wurde der Winterroggen eingesät, Hafer, Gerste, Kartoffeln und Rüben geerntet. Im Oktober war aus den Stadeln das regelmäßige Klopfen der Dreschflegel zu hören. Aufgestellt, zu viert oder sechst, drosch man, in einem möglichst präzisen Rhythmus, mit hölzernen Flegeln auf die Ähren ein, um die Getreidekörner herauszulösen. Mit der Windmühle oder dem Sieb schied man sie anschließend von der Spreu und erst nachdem das Korn zu Mehl verarbeitet war, konnte es zum Brotbacken verwendet werden. Auf den meisten Höfen wurde zweimal im Jahr Brot gebacken („fé pan“). Die frischen Brotlaibe wurden in ein Holzgerüst („pëne“) eingereiht und getrocknet. Das machte sie haltbar, aber auch so hart, dass sie mit der „Grambl“ (Brotschneidemesser) zerkleinert und in Milch eingeweicht werden mussten. Zweimal im Jahr, wie das Brotbacken, machte die Bäuerin auch die große Wäsche („lavè guant“).

Im Spätherbst ging das bäuerliche Arbeitsjahr zu Ende. Bevor der Winter einbrach, musste noch ein Vorrat an Brennholz sichergestellt werden. Wenn der Schnee auf den Feldern lag, konnte die Arbeit für einige Zeit ruhen. Dann hielt man sich gern in der getäfelten Stube, dem einzigen beheizten Raum, auf. Dort wurden Arbeitsgeräte ausgebessert und geschnitzt, konnte man das Geld, das man damit verdiente, doch nur allzu dringend gebrauchen. Doch auch dann galt es, das Vieh im Stall täglich zu melken und zu versorgen. Das Bergheu musste von den Almen geholt und auf Schlitten („luesa da corni“) zu Tal befördert werden.

Da noch im 19. Jahrhundert viele Männer außerhalb des Tales einem Erwerb nachgingen und nur im Sommer nach Hause kamen, als die Feldarbeit mehrere Arbeitskräfte beanspruchte, oblag die Bewirtschaftung der Höfe vielfach den Frauen. Bis weit ins 20. Jahrhundert, teilweise bis heute, wurde die Arbeit allein durch menschliche und tierische Arbeitskraft erledigt. Viele Maschinen konnten und können auf den steilen Hängen nicht eingesetzt werden. Trotz des vollen Einsatzes der bergbäuerlichen Familie wurde ihre harte Arbeit nicht immer belohnt. Es ist kaum verwunderlich, dass ein großer Teil des Brauchtums darauf ausgerichtet war, den Schöpfer milde, das Wetter günstig zu stimmen.

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