Einblicke in die Geschichte

Tëmps dures - Krankheiten, Überschwemmungen, Muren und Feuer

„A peste, fame et bello, libera nos Domine Jesu Christe“ betete man früher in der Kirche. Krankheit, Hunger und Kriege waren eben gefürchtete Ereignisse. Was die Kriege betrifft, so blieb das Tal lange von solchen verschont, war es doch von den Kriegsschauplätzen der Neuzeit weit entfernt. Am 3. November 1809 durchzogen französische Truppen das ganze Tal und machten sogar in St. Ulrich Rast, doch kam es zu keinen Gefechten. Grödner beteiligten sich an den Schlachten am Berg Isel, einige auch am Feldzug Napoleons nach Russland. Unter den 127 Grödnern, die beim Landsturm 1848 in Norditalien kämpften, stammten die meisten aus dem Talinneren. Allerdings blieben diese Ereignisse im Vergleich zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts unbedeutend.

Weitaus größer waren die Opfer, welche verschiedene Krankheiten über die Jahrhunderte forderten. Lediglich Epidemien, die einen raschen Anstieg der Sterblichkeit bewirkten, sorgten als nicht alltägliches Ereignis für Angst und Schrecken und prägten sich tief ins gesellschaftliche Gedächtnis ein. So blieb die Erinnerung an die Pest von 1636, allgemein als „Gran Moria“ bekannt, lange lebendig. Die Seuche nahm im Kriegslager in Graubünden ihren Ausgang - damals tobte der 30-jährige Krieg (1618-1648). Angeblich waren die Handelsgeschäfte der Grödner, die Vieh zur Versorgung des im Hauptquartier Glurns stationierten Kriegsvolkes verkauften, Schuld an der Einschleppung der Seuche ins Tal. Erste Fälle tauchten zu Stufan auf, dann breitete sich die Pest rasch aus. Um Ansteckungen zu vermeiden, musste die Messe von einem Hügel oberhalb der Kirche aus verfolgt werden. Der Ort heißt heute noch „Col da Mёssa“ (Messhügel). Damals sollen die Bewohner von Plesdinaz, wo die Pest grassierte, gedroht haben: “Purtëde su pan, sceno unions ju!“ („Bringt uns Brot herauf – sonst kommen wir runter!“). Obwohl erzählt wird, die Seuche habe nahezu die gesamte Talbevölkerung ausgelöscht, forderte sie den Kirchenmatrikel zufolge in ganz Gröden an die 85 Opfer. Bis zur Durchsetzung der Impfungen um 1820 lösten Pockenepidemien immer wieder ein großes Kindersterben aus.

Auch Naturgewalten machten den Menschen im Hochgebirgstal zu schaffen. In einer stark vom landwirtschaftlichen Ertrag abhängigen Gesellschaft konnten schlechte Witterung, Regen und Frost zu akuten Engpässen führen. Das Jahr 1816 ging als „Hungerjahr“ in die Chroniken ein. Was die Zeitgenossen damals nicht wussten und erst von den Klimaforschern des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde: Das „Jahr ohne Sommer“, 1816, wurde durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, auf der anderen Seite der Welt, verursacht.

Bei den Hochwasserkatastrophen von 1882, 1885, 1888 wurden viele Teilstrecken der Grödner Straße zerstört. Im September/Oktober 1882 mussten zehn Menschen ihr Leben lassen, drei Häuser (Zink, Mulin da Coi, Fussel), eine Sägemühle und zwei Stadel wurden vollständig zerstört. Erst beim Fever in St. Ulrich konnten die zwei Personen, die sich im Haus zu Mulin da Coi aufhielten, tot aus den reißenden Fluten geborgen werden. Der Bach riss fast alle Brücken mit. Die Bewohner des Ortsteiles Custacia konnten am Sonntag nicht die Hl. Messe in der Kuratiekirche besuchen und versammelten sich in der Kapelle zu Puciacia. An die 70 Familien in der Kuratie St. Christina waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die Bevölkerung versuchte ein Ende der Regenfälle herbeizubeten, die Wolkensteiner trugen das Muttergottesbildnis in Prozession nach St. Christina. Schätzungen zufolge belief sich der Schaden auf 100.000 Gulden. Eine Spendenaktion, die im ganzen Land ausgerufen wurde, half beim Wiederaufbau. Der Kaiser höchstpersönlich, aber auch wohlhabende Bürger aus Innsbruck und Meran ließen den Notleidenden finanzielle Unterstützung zukommen.

1917 begrub eine Mure aus Geröll, Schlamm und Schnee zwei Häuser bei Insom. Alarmstufe herrschte erneut zu Karfreitag des Jahres 1951, als das tagelange Tauwetter eine ähnliche Situation geschaffen hatte. Nur der Einsatz der Feuerwehr und die Mithilfe der Bevölkerung konnten eine größere Katastrophe abwenden. Auch Feuerbrunst forderte immer wieder ein Ausrücken der Feuerwehr: 1910 brannte es zu Palua (Soplajes), 1955 der Stadel von Rudolf Senoner (Bucinea), 1982 das Haus Belsit, 1978 und 1987 brach Feuer beim Tluselhof aus.

Am 28. Mai 1907 schlug der Blitz bei Ulëta ein. Der Bauer Rabanser, der sich im ersten Stock befand, wurde dabei getötet, Frau und Kind kamen mit dem Schrecken davon. Langanhaltende Schneefälle haben so manches Mal für Angst und Chaos gesorgt. Im Kriegsjahr 1916 und dann erneut 1951 mussten Schneedecken, bis zu 2 m mächtig, von den Dächern geschoben werden.

Weltkriege, Faschismus und Option

Am Friedhof von St. Christina erinnern die im Jahre 1948 errichteten Gedenktafeln an eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit: die Kriege des 20. Jahrhunderts. Sorgfältig wurden die Namen der Opfer in Holztafeln geschnitzt. 53 Gefallene bzw. Vermisste zählt man für den Ersten, 20 Vermisste und 35 Gefallene für den Zweiten Weltkrieg.

Älteren Menschen zufolge, waren die Belastungen für die Zivilbevölkerung während des „Großen Krieges“ (1914-1918) größer – im Zweiten Weltkrieg habe man sich aber mehr vor den Bombenangriffen gefürchtet. Am 28. Juli 1914, genau einen Monat nachdem der Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet worden war, erklärte Österreich Serbien den Krieg. Drei Tage später folgte die allgemeine Mobilisierung: Sämtliche Wehrfähigen bis zum 42. Lebensjahr wurden zu den Waffen gerufen. Für diese hieß es nach der Messe, unter den Tränen der Mütter, Frauen und Kinder, Abschied nehmen und dann ab nach Galizien, an die Front. Reibungslos funktionierte das System der Bündnisse, welche die europäischen Staaten bereits Jahrzehnte zuvor in ihrem Machthunger untereinander eingegangen waren: Innerhalb von zehn Tagen stand Europa in Flammen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit führten die kriegsbeteiligten Staaten einen vollständig industrialisierten Krieg. Sämtliche personellen und materiellen Reserven wurden für militärische Zwecke aufgeboten, ohne Rücksicht auf zivile Belange. Nachdem Italien am 24. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt hatte, wurden die Dolomiten zum Kriegsschauplatz - Gröden zum unmittelbaren Hinterland der Front. Bis reguläre Truppen vom Osten abgezogen werden konnten, lag die Landesverteidigung in den Händen der Standschützen. Oft waren während des monatelangen Ausharrens auf den Berggipfeln die Naturgewalten der größte Feind. Kälte, Schnee, Lawinen, Hunger setzten den Männern zu. Zusätzlich musste man noch kilometerlange Stollen ins Gestein treiben, versuchen alte Gipfel zu halten, neue zu erstürmen. Der Col di Lana wurde 1916 von den Italienern mit 5 t Sprenggelatine in die Luft gejagt, nachdem sämtliche Eroberungsversuche gescheitert waren. Der zermürbende Krieg zehrte an den Ressourcen der Habsburgermonarchie. Getreidelieferungen aus Ungarn blieben aus, Lebensmittel wurden knapp, mussten rationiert werden. Stundenlang standen Frauen vor den Geschäften Schlange, um dann nach Vorzeigen der Lebensmittelkarte eine kleine Ration an schlechtem Mehl, etwas Butter oder Fleisch zu erhalten. Damals gingen viele Grödner in die noch stark landwirtschaftlich geprägten Nachbargemeinden zum Hamstern. Wenn man Glück hatte, konnte man Leintücher, Silberbesteck oder andere Wertsachen gegen etwas Mehl, Butter oder Eier eintauschen. Natürlich durfte man sich dabei nicht erwischen lassen. Trotz strenger Kontrollen gelang es den Behörden jedoch nicht, den Schwarzhandel zu unterbinden. Gegen Ende des Krieges forderte die Spanische Grippe, die sich unter der geschwächten Bevölkerung leicht ausbreiten konnte, zahlreiche Opfer.

Durch den Friedensvertrag von Saint Germain fiel Südtirol 1919 an Italien, ein Einschnitt, der weit mehr als der Übergang vom Heller zur Lira bedeutete. Autonomieversprechen wurden kaum eingehalten, vor allem als die faschistische Partei unter Benito Mussolini 1922 an die Macht kam und Südtirol zum Objekt einer aggressiven Italienisierungspolitik machte: Südtirol wurde mit dem Trentino in einer einzigen Provinz zusammengefasst, der Name „Tirol“ verboten, deutsche Vereine aufgelöst. Das gesamte Vermögen des Alpenvereins (darunter 77 Schutzhütten), auch jenes der einheimischen Sektion Gröden (ab 1924 Società Alpinisti Gardenesi), wurde konfisziert und dem Club Alpino Italiano (C.A.I.) zugewiesen. In der öffentlichen Verwaltung (1923), dann auch vor Gericht (1925) und letztendlich gar im privaten Bereich (1928) durfte ausschließlich die italienische Sprache verwendet werden. 1926 wurde die Italienisierung der Familiennamen beschlossen. Während für Tolomei die deutschsprachigen Südtiroler “Überbleibsel vergangener Einfälle barbarischer Stämme“ waren, sah er im Ladinischen das lateinische Element in Südtirol. Durch Italienisierung der Ladiner, hoffte er einen italienischen Keil in das deutschsprachige Gebiet zu treiben und somit die “Re-Italienisierung Südtirols” zu begünstigen. Ein Gesetz von 1927 verfügte die Aufteilung der Ladiner auf drei Provinzen. Aufgrund der „Lex Corbino“ (1921) erfolgte der Unterricht in den ladinischen Tälern ausschließlich in italienischer Sprache. Unterricht in der deutschen oder ladinischer Sprache waren verboten. Lehrer/innen sollten sich strikt an den Lehrplan halten, um „bravi italiani“ heranzubilden. Zu diesem Zweck war auch die „Opera Nazionale Balilla“, Dachorganisation mehrerer Vereine für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen, aufgestellt worden. Zwar war der Beitritt nicht obligatorisch, doch wurden Eltern von Behörden und Lehrkörper bedrängt, ihre Kinder der Organisation beitreten zu lassen. Nicht unbedeutend war die Tatsache, dass ärmere Familien in den Genuss zahlreicher Vorteile gelangten. Welches Kind wünschte sich nicht an den Sportveranstaltungen teilnehmen zu können oder am Tag der „Befana Fascista“ ein schönes Geschenk überreicht zu bekommen? Auch die Schulausspeisung mit den italienischen Nudeln schmeckte den Kindern, so gut aß man daheim selten. Am Samstagnachmittag („Sabato Fascista“) trafen sich „Balilla“ und „Piccole Italiane“ zu gemeinsamen sportlichen Aktivitäten.

„La maestres dijova ai mutons che Chël Bel Die à plu gën i “Balilla” che i autri mutons.”

1926 wurden die gewählten Bürgermeister durch staatliche Amtsbürgermeister, sog. Podestà, ersetzt. Diese ortsfremden Leute waren mit Vollmachten ausgestattet, kannten aber zumeist nicht die Bedürfnisse der Berggemeinden. Der letzte gewählte Bürgermeister von St. Christina, Angelo Riffeser (da Maciaconi), legte bereits im Juli 1925 sein Amt nieder. Der daraufhin vom Gemeindeausschuss gewählte Martino Demetz (da Iman) blieb kaum ein Jahr im Amt. Im Mai 1926 wurde er vom Podestà in St. Ulrich abgelöst. Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen ließen die faschistischen Behörden die Grödner Gemeinden zu einer einzigen zusammenfassen. Die lokale Verwaltung St. Christinas unterstand seit 1926 den in St. Ulrich eingesetzten Podestà bzw. Kommissaren: Gilberto Gaiani (1926-27), Raimondo Buffa (1927-29), Ludovico Donati (1929-34). Nach 1934 erhielten St. Christina und Wolkenstein wieder eine eigene Gemeindeverwaltung unter wechselnder Leitung von G. Broisie (1934-35), Leone Delago (1935-38), Vincenzo La Porta (1938-39), Arturo Tanesini (1938-40), Emilio Leonardo Comici (1940), Ugo Silvestri (1940), Arturo Tanesini (1940-42), Giovanni Schenk da Dosses (1941-43), Primo Bidischini (1942-43).

In der Zwischenkriegszeit machten sich ein schnelles demographisches Wachstum und ein Aufschwung des Fremdenverkehrs bemerkbar. Viele italienische Gäste strömten ins Tal, nicht zuletzt wegen der von den Faschisten lancierten wintersportlichen Aktivitäten (z.B. die Universitäts-Skirennen „Littoriali della neve e del ghiaccio“ 1935). Auch wurde das Tal von so manch hohem Besucher beehrt. Der kleine Thronfolger, Prinz Vittorio Emanuele von Savoyen, hielt sich mehrmals in Gröden auf.

Nach nahezu 20 Jahren aggressiver Assimilierungspolitik war das Ziel eines italienischen Südtirols noch nicht erreicht. Die Ansiedelung von Italienern durch Industrialisierung und Höfeaufkauf („conquista del suolo“) hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Um die Achse Rom-Berlin nicht zu gefährden, ging man schließlich zur Endlösung über, zur sog. Option. Damit beginnt eines der leidvollsten Kapitel in der Geschichte des Landes. Obwohl die Faschisten in den Ladinern nichts anderes als dialektsprechende Italiener sahen, wurden sie zur Option zugelassen - laut Tolomei ein „unverzeihlicher Fehler historischen Ausmaßes“. Bis zum 31. Dezember 1939 musste man entscheiden, ob man die italienische Staatsbürgerschaft beibehalten oder die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollte. Beide Entscheidungen hätten eine Veränderung der bisherigen Lebensweise bedeutet: Von jenen, die sich als Italiener erklärten, verlangte man, dass sie sich auch als solche verhalten, d.h. die Faschisten hofften auf ihre baldige Assimilierung. Jene, die für Deutschland optierten, mussten hingegen auswandern. Schon bald entwickelte sich eine heftige Propagandaschlacht. Flugschriften informierten, verbreiteten Lügenmärchen, manipulierten, schürten Fanatismus und Hass. Gerüchte von einem schönen Tal mit großen Höfen, fruchtbaren Böden und sogar demselben Berg wie der geliebte Langkofel „beim Hitler draußen“, machten die Runde. Die italienische Propaganda gab hingegen zu verstehen, dass Dableiber südlich des Po angesiedelt würden. Eine Grödner Delegation, die in Bozen den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte erfragen wollte, erhielt vom Präfekten Mastromattei die verschleierte Antwort: "Meine Herren, ein guter Italiener fragt nicht, wo er bleiben kann." Wer aber wollte schon nach Sizilien, oder gar nach Libyen oder Abessinien? Dableiber wurden zu Italienern, Walschen, Verrätern abgestempelt – Optanten galten als Nazis, Kirchenfeinde. Der Streit spaltete Dörfer, entzweite Familien, bereitete schlaflose Nächte. Im Spätsommer 1939 entstand eine deutsche Parallelverwaltung unter der ADO (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Optanten). Nach dem Muster des NSDAP-Apparates gebildet, übernahm sie die Führung der Optanten und richtete schon im Oktober 1939 für die Kinder der „Geher“ deutsche Sprachkurse ein. Viele, v.a. die Jugend, identifizierten sich mit den vom Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) propagierten Idealen, die stark an das Programm Hitlers angelehnt waren. Das Optionsergebnis war ernüchternd: 86% der Südtiroler entschieden sich schlussendlich für die Abwanderung. Von den 5.621 optionsberechtigten Grödnern sprachen sich 4.562 (81,16%) für die Auswanderung nach Deutschland aus. Mit 84,8% wies die Gemeinde St. Christina den höchsten Optantensatz innerhalb Grödens auf. Der Grund dafür mag v.a. die wirtschaftliche Abhängigkeit der Holzindustrie von Deutschland gewesen sein. Der kleine Mann folgte vielfach der Entscheidung der Besitzer großer „Verlegerfirmen“ (z.B. ANRI, SEVI), von denen er wirtschaftlich abhing und dem er größeren politischen Weitblick zuschrieb. Wie im restlichen Südtirol, ist auch in Gröden schlussendlich nur ein Teil der Optanten, ca. 1.140 Personen, auch tatsächlich ausgewandert. 193 Personen verließen die Gemeinde St. Christina, um sich dann v.a. in den österreichischen Gemeinden Innsbruck, Lienz, Kitzbühl, Landeck, Linz und Dornbirn, teilweise auch in Deutschland (München, Augsburg, Berlin, Stuttgart) niederzulassen. Die meisten wanderten 1940 ab, bereits 1941 kam die Auswanderung zum Stillstand. Der Krieg und Verzögerungstaktiken der Ämter verhinderten schlussendlich einen größeren Exodus.

Eine geschlossene Ansiedelung der Grödner wäre nicht nur Voraussetzung für deren kulturelles, sondern auch für das wirtschaftliche Überleben gewesen. Gröden bildete eine geschlossene Talgemeinschaft, in der die drei Erwerbszweige (Landwirtschaft, Holzschnitzerei, Fremdenverkehr) eng miteinander verbunden waren. Im Wirtschaftsgefüge des Tales nahm jeder seinen Platz ein - bereits die verschiedenen Arbeiter innerhalb der Produktionsstufen der Bildhauerei (Schnitzer, Maler, Vergolder, „Verleger“) waren aufeinander angewiesen. Es mussten sich also Arbeiter aus allen Wirtschaftssektoren an der Umsiedelung beteiligen, und diese hatte möglichst geschlossen zu erfolgen. Deswegen schauten sich die Grödner bereits früh nach einem geeigneten Siedlungsgebiet um. Im Reich waren sie begehrt, schließlich wusste man dort von ihrem Wirtschaftspotential. Lange dachte man an eine geschlossene Ansiedelung der Grödner im Drautal, östlich von Lienz (Osttirol). Die Pläne standen bereits, in Lienz sollten Siedlungen errichtet werden, man dachte an die Gründung einer Kunstschule. In letzter Sekunde wurde das Vorhaben gestoppt. Die ADO-Zentrale schob der Eigeninitiative der Grödner einen Riegel vor. Nur unter der Voraussetzung einer geschlossenen Umsiedelung aller Südtiroler, einschließlich Grödner, hatte sie der Option zugestimmt. Den Eigenweg der Grödner lehnte sie entschieden ab.

Der Zweite Weltkrieg stellte auch für St. Christina eine schwere Zeit dar. Zwar waren Hunger und Not nicht annähernd so schwer wie während des Ersten Weltkrieges, dennoch waren auch während der Kriegsjahre bis 1945 gewisse Lebensmittel knapp. Viele Frauen gingen daher oft ins Eisacktal, nach Lajen, Kastelruth, Gufidaun, Barbian und Villnöss und in andere benachbarte Orte, um ein bisschen Weizenmehl oder andere Nahrungsmittel zu erbetteln oder gegen Schmuck oder andere Sachen einzutauschen. Man nannte dies „hamstern“ und war eigentlich von den Behörden untersagt. Um möglichen Kontrollen aus dem Weg zu gehen, nahm man lange Umwege über die Almen in Kauf. Alle tauglichen Männer mussten einrücken, die Dableiber mit dem italienischen Heer, die Optanten mit der Wehrmacht. Wie die anderen Soldaten auch, sahen sie an der Front dem Elend, dem Hunger, dem Durst, den Verletzungen, den Strapazen und dem Tod in die Augen. Für diejenigen, die nicht mehr zurückkamen, wurden Heldengedenkfeiern abgehalten. Viele Soldaten wurden gefangen genommen, einige kamen erst Jahre nach dem Kriegsende wieder frei. Die Frauen daheim warteten in großer Sorge. Einige von ihnen mussten während des Krieges Arbeitsdienst leisten. Gröden selbst lag im Zweiten Weltkrieg zwar nicht in der Nähe der Front, gegen Ende des Krieges flogen aber auch über unser Tal amerikanische Bombenflieger. Während des Fliegeralarms suchte man in Luftschutzkellern oder improvisierten Unterständen Zuflucht. Tal auswärts versuchte die Flugabwehr die Bombenflieger abzuschießen. Einige Bomben fielen auch in Gröden, ohne jedoch größeren Schaden anzurichten.

Nachdem Italien am 8. September 1943 den Waffenstillstand eingegangen war, passierte die Wehrmacht den Brenner, um den Vormarsch der Alliierten in Italien zu stoppen. Die überwältigende Mehrheit der Südtiroler begrüßte sie euphorisch. Die Provinzen Bozen, Trient und Belluno wurden zur Operationszone Alpenvorland zusammengefasst und dem Gauleiter Franz Hofer unterstellt. Die Sprachkurse für Optantenkinder wurden im Oktober in reguläre Volksschulen umgewandelt, die nun auch für „Dableiberkinder“ zugänglich waren. Vereinzelt stellte man in Gröden auch Lehrpersonen ein, die vorher in der italienischen Schule unterrichtet hatten, natürlich erst nach Besuch eines politischen Umschulungskurses im Hotel Wolkenstein-Grisi. Viele Südtiroler Kinder wurden auch nach Rufach ins Elsass geschickt, um dort deutsch zu lernen. Obwohl Optanten und Dableiber in der "Operationszone Alpenvorland" gleichberechtigt waren, ließen die Optanten den Dableibern ihre Macht spüren. Die nationalsozialistische Maschinerie funktionierte in Südtirol ebenso gut wie draußen im Reich. Die deutsche Verwaltung ersetzte die Podestà durch einheimische kommissarische Bürgermeister. Diese konnten wesentlich mitbestimmen, wer in den Krieg ziehen musste. In St. Christina wurde der „Holzschnitzereienverleger“ und ADO-Vertrauensmann Anton Riffeser im September 1943 als „Kommissarischer Leiter“, ab Dezember dann als „Kommissarischer Bürgermeister“ eingesetzt. Im September 1943 war die Stimmung in der Gemeinde äußerst angespannt. Dableiber wurden als "Schweine, Hunde und Verräter" beschimpft, nur Ehr- und Schamlose hätten sich für Italien entscheiden können. Gerade eben aus der italienischen Armee entlassen (September 1943), wurden Dableiber, gleich nach ihrer Heimkehr aus der Front, von Ortsansässigen an die deutsche Militärbehörde ausgeliefert. Eigene Leute schickten sie an die deutsche Front oder ins Lager. Ein System persönlicher Abhängigkeiten, Freundschaften, Feindschaften entstand. Die Macht lag bei jenen, die Spitzenpositionen besetzten. Nach dem Mai 1945 wurden viele von ihnen wegen Kollaboration mit den Deutschen verhaftet. Wut und Hass, die sich über all die Jahre aufgestaut hatten, führten in Gröden zu einem Gewaltakt - zum einzigen Fall "wilder Säuberung", der in Südtirol nach Kriegsende bekannt wurde. Am 15. Mai 1945 kamen bewaffnete Belluneser Partisanen nach Gröden, um angebliche Kollaborateure festzunehmen. Der amerikanische Geheimdienst hatte hierfür grünes Licht erteilt. Offenbar hatten Grödner Informanten den Partisanen eine "schwarze Liste" mit fünfzig zu verhaftenden Personen zukommen lassen. Den meisten Gesuchten gelang rechtzeitig die Flucht in die Berge, mehrere wurden jedoch gefasst und in das Hauptquartier der Brigade nach Corvara verschleppt. Zwei Tage später, am 17. Mai, wurden auf dem Weg nach Belluno Adolf Senoner-Vastlé (Bürgermeister von Wolkenstein), Engelbert Ploner (dl Ploner), Gabriel Riffeser, Josef Pitscheider (Wolkenstein) und Kosmas Demetz (Pallua) erschossen – ob bei einem Fluchtversuch oder nicht, die genauen Umstände wurden nie geklärt, eine Autopsie nie veranlasst. Vier Mordopfer wurden im Friedhof von St. Christina begraben. Die Amerikaner waren um eine Vertuschung des Vorfalles bemüht, um ihre Involvierung nicht auffliegen zu lassen. Noch lange vergifteten gegenseitige Schuldzuweisungen das politische Klima in Gröden. Der Prozess 1946 in Bozen gegen acht Grödner wegen Verfolgung von Italienern zwischen 1943 und 1945 verstärkte noch den Gegensatz zwischen den beiden Lagern. Der Riss ist heute noch spürbar. Freilich bedauerten es später viele, sich mit den Nazis eingelassen zu haben. Ein Urteil zu fällen ist leicht, sobald der Gang der Geschichte bereits feststeht – anders ist es in Notzeiten, wo Sorgen um die eigene Existenz viele in den Fanatismus treiben.

Auch nach Kriegsende waren für viele Soldaten die Schrecken noch nicht vorbei. Viele mussten sich erst durch die Nachkriegswirren nach Hause schlagen und kamen erschöpft und ausgehungert und oft mit körperlichen oder seelischen Gebrechen heim. Einige wurden nach dem Krieg gefangen genommen, um ihre Beteiligung am NS-Regime zu überprüfen. Manche kamen in Entnazifizierungszentren und mussten dort unter unmenschlichsten Bedingungen hausen.

Der Neubeginn nach dem Krieg, nach 20 Jahren Faschismus und zwei Jahren nationalsozialistischer Herrschaft, war nicht einfach. Nach Kapitulation der Wehrmacht wurde das Land zunächst vom CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) verwaltet. Dieser setzte im Juni 1945 Giovanni Malsiner an die Spitze der Gemeindeverwaltung von St. Christina, 1951 folgte Antonio Schenk. Bei den ersten demokratischen Gemeindewahlen (1952) wurde Josef Skasa zum Bürgermeister bestimmt, der dann bis 1964 im Amt blieb. Es folgten: Vigil Insam (1964-71), Joachina Mussner (1971-74, Südtirols erste Frau im Bürgermeisteramt), Hermann Keim (1974-85), Franz Demetz (1985-95), Bruno Senoner (seit 1995). Neben der SVP war früher die Liste „Ciampanil“ und ist heute die „Lista Ladins“ im Gemeinderat vertreten.

Inzwischen stellen sich der Landespolitik neue Herausforderungen. Das zweite Autonomiestatut hat sich bewährt: Südtirol gilt als vorbildhaftes Beispiel für das Zusammenleben der Völker in einem geeinten Europa. Sicher, der Weg dorthin war nicht einfach: Lange zögerte das neue, republikanische Italien mit der Umsetzung des Pariser Vertrags (1946), dem Grundstein der Südtiroler Autonomie, und verfolgte eine nationalistische Linie. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, wobei es zu Österreichs Intervention bei der UNO, Protesten und leider auch Attentaten kam, bis Rom sein Gesamtangebot zum „Paket“ geschnürt und dieses von der SVP angenommen wurde. Bis 1992 wurden sämtliche Bestimmungen des „Pakets“ erfüllt, worauf Österreich den Streit vor der UNO für beendet erklärte. Das 2. Autonomiestatut (1972) mit Stärkung der Kompetenzen der Provinz, Proporz und Zweisprachigkeit von Ämtern, Gericht und Polizei scheint erfolgreich zu sein. Auch das paritätische Schulsystem hat sich bewährt und wird den Bedürfnissen der ladinischen Volksgruppe durchaus gerecht.

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