Einblicke in die Geschichte

L ziplé - Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung: Bäuerlicher Nebenerwerb, Spielzeugherstellung und Bildhauerei

Die Wirtschaft des Tales machte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert einen enormen Wandel durch. Mit der dominant agrarischen Wirtschaftsweise wurde erst im 20. Jahrhundert gebrochen, als das produzierende Gewerbe bzw. die Arbeit mit den Gästen allmählich zur Haupttätigkeit wurde.

Da der landwirtschaftliche Ertrag allein das Überleben der Bergbauernfamilie nicht gewährleisten konnte, nahm der bäuerliche Nebenerwerb bereits sehr früh eine existentielle Bedeutung ein. Not macht eben erfinderisch. Im 16. Jahrhundert waren Lodenwalkerei und Schüsseldrehen (Drechseln) von Bedeutung, seit dem 17. Jahrhundert wurde das Spitzenklöppeln als weibliche Beschäftigung immer wichtiger. Allerdings wurde es um 1830/40 innerhalb kurzer Zeit vollständig von der Holzschnitzerei verdrängt. Die Anfänge der Schnitzkunst reichen in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück. Da sich jedoch anfänglich lediglich ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung mit der sakralen Bildschnitzerei befasste, kann man zunächst noch nicht von einem richtigen Hausgewerbe sprechen. Als erster Bildhauer des Tales scheint urkundlich Christian Trebinger auf, der 1643 "sculptor" genannt wird. Neben der Trebinger-Dynastie wurde eine zweite Bildhauerdynastie von Melchior Vinazer begründet. Dieser erlernte das Handwerk von Meister Rafael Woräth in Brixen, wo er 1650 das Lehrmeisterzeugnis erhielt. Die Vinatzer de Bucinea, Insam de Paratoni, Kasslatter da Ulёtta, Senoner da Dlaces und Nocker da Sabedin machten sich als gute Schnitzer bald einen Namen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde die Spielzeugherstellung immer wichtiger, bis sie schließlich im 19. Jahrhundert als alleinige Hausindustrie zur regelrechten Massenbeschäftigung wurde. Auch das Anstreichgewerbe, das Bemalen von Holzspielzeug, das ab ca. 1820 in Gröden heimisch wurde, ließ zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen.

Zur Veräußerung der Erzeugnisse der Heimindustrie war bereits Ende des 17. Jahrhunderts der Hausierhandel entstanden. Grödner und Grödnerinnen zogen mit ihren Waren, zunächst Spitzen, dann auch Holzwaren, von Haus zu Haus, um sie an den Mann, an die Frau zu bringen. Sie durchstreiften die Täler Tirols, aber bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts reichten ihre Handelsbeziehungen weit über die Landesgrenzen hinaus. Wurden die Waren zunächst vom Hersteller selbst vertrieben, so führte die Ausbreitung des Nebenerwerbs und die Notwendigkeit neue, entferntere Märkte zu erschließen schließlich zur Trennung von Produktion und Handel. Vorerst wurden an verkehrsgünstigen Orten einzelne Lager, ab Mitte des 18. Jahrhunderts dann immer mehr definitive Handelsniederlassungen im Ausland errichtet. Dort wurde ihr Betätigungsfeld ausgeweitet, man handelte mit den verschiedensten Produkten, betätigte sich als Makler und Geldwechsler. Um 1800 gab es „im südlichen Europa kaum einen Handelsplatz, in Italien beynahe keine Stadt mehr, wo nicht ein oder mehrere Grödner Handelshäuser etabliert wären“. Anfang des 19. Jahrhunderts belief sich die Zahl der Grödner Niederlassungen in Nordamerika (Philadelphia), Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Holland, England, Irland, Polen, Russland und Afrika (Alexandria) auf rund 400. Gerne holten sich die Geschäftsleute Angestellte aus ihrer Heimat: „Mancher Knab wird schon in seiner ersten Jugend zu einem seiner Verwandten nach Italien, Spanien usw. geschickt, und dort unentgeltlich zur Kaufmannschaft erzogen“. Oft blieben sie dann ein Leben lang ihrer Heimat fern. Zeitgenössischen Angaben zufolge, hatten sich um 1800 etwa zwei Drittel der damaligen Talbevölkerung im Ausland etabliert. Einige von ihnen konnten sich durch ihre Geschäfte zu einem beträchtlichen Wohlstand emporarbeiten. Die Abwanderung kam jedoch um 1850 zum Stillstand, was vor allem auf das neue Wehrgesetz, das keine längeren Abwesenheiten gestattete, sowie auf verkehrstechnische Verbesserungen zurückgeführt werden kann.

Der Hausierhandel hielt sich noch bis weit ins 19. Jahrhundert, beschränkte sich aber zunehmend auf Gebrauchswaren (Stoffe, Fäden, Spitzen, Borten), während der Vertrieb von Holzschnitzereien zunehmend über das „Verlagssystem“ organisiert wurde. Allein durch Zwischenschaltung eines „Verlegers“ konnte die steigende Produktionsmenge vertrieben werden. Die Holzwaren wurden vom Schnitzer in seiner eigenen Wohnung produziert und dann dem „Verleger“ weiterverkauft. Samstags gingen die Schnitzer von St. Christina mit Körben voller Spielzeug hinaus nach St. Ulrich, wo die meisten „Verleger“ wohnten. Die Arbeit eines Spielzeugschnitzers brachte wenig ein, einfach zu groß war die Konkurrenz unter den Heimarbeitern. Nur wenn man von früh bis spät schnitzte, jedes Familienmitglied, auch die Kinder, die einzelnen Arbeitsschritte schnell und geschickt ausführte, konnte man mit einem kleinen Gewinn rechnen. Zu teuer wäre es gewesen, sich auf legalem Weg das Holz zu besorgen. Man holte es sich bei Nacht- und Nebelaktionen aus dem Gemeindewald und wehe dem, der sich vom Waldaufseher erwischen ließ. Die „Verleger“ organisierten als Zwischenhändler den Absatz der Produkte. Sie erschlossen neue Märkte und setzten sich auch für eine bessere Verkehrserschließung des Tales ein, womit sie die wirtschaftliche Entwicklung Grödens maßgeblich beeinflusst haben. Bereits vor 1850 gab es in St. Christina zwei große „Verlegerfirmen“: die Riffeser (da Maciaconi) und die Senoner (da Vastlé).

Die Blüte der sakralen Bildhauerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschränkte sich fast gänzlich auf St. Ulrich. Mehr als 350 Bildhauer, Tischler, Maler und Vergolder arbeiteten dort um die Jahrhundertwende in großen Werkstätten, um Kircheneinrichtungen herzustellen, die fein säuberlich in Kisten verpackt in die ganze Welt exportiert wurden. Die große Zeit des Altarbaus, die 1890 so vielversprechend begonnen hatte, fand mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende. Der Krieg versetzte der Grödner Holzindustrie einen schweren Schlag: Talentierte Schnitzer und Bildhauer waren gefallen, durch die Auflösung der Habsburgermonarchie gingen wichtige Absatzgebiete verloren, die schlechte wirtschaftliche Konjunktur der Nachkriegszeit drückte die Nachfrage. Auch die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er und der weltweite Protektionismus mit seinen hohen Einfuhrzöllen drosselten den Holzwarenexport. In jenen Jahren wanderten Grödner Bildhauer aus. Hauptzielland war Argentinien. Ende der 1930er machte sich endlich ein Aufschwung bemerkbar. Die starke Nachfrage in der Nachkriegszeit leitete schließlich in die Industrialisierung über. Den ersten Schritt wagte dabei die Familie des Anton Riffeser (ANRI). Durch die Errichtung fabrikähnlicher Werkstätten (1952 auf Plan da Tieja) und die Einführung technischer Neuerungen (z.B. Punktiermaschine) sollte die Ware sauber und schnell geliefert und somit den Markterfordernissen bestens entsprochen werden. Der Wechsel von der heimatlichen Stube in die Fabrik mag zwar die Freiheiten der Schnitzer und Anstreicher eingeschränkt haben, garantierte aber auch bisher nicht gekannte soziale Absicherungen (festes Gehalt, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, Pensionsanspruch). Zusätzlich zu den festen Angestellten wurden auch noch Heimarbeiter beschäftigt. 1952 zählte der Betrieb 40-50 feste Angestellte und ca. 250 Heimarbeiter, 1965 waren es 280 Beschäftigte und 120 Heimarbeiter. Auch die Firma Sevi (ebenfalls auf Plan da Tieja) konnte, bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung der 1970er, expandieren, wobei ihre Domäne Spielwaren waren. Bereits 1831 war Josef Senoner ins „Verlagsgeschäft“ mit Holzspielzeug eingestiegen. 1805 am Inazhof geboren, hausierte er zunächst mit verschiedenen Waren, gelangte zu einigem Einkommen, sodass er das Vastlé-Gut erwerben konnte. Das Geschäft ging 1876 auf den jüngsten Sohn Vinzenz über, der es 1908 wiederum an seinen Jüngsten, Adolf, abtrat. Um in den Krisenjahren der Zwischenkriegszeit bestehen zu können, begann man mit der seriellen Herstellung billigen Spielzeugs. Nach dem Krieg übernahm der Sohn Adolf den Betrieb. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte einen Ausbau: 1967 wurde die Produktion in eine Fabrik in Pontives verlegt, verpackt wurde die Ware nach wie vor zu Vastlé, wo die Firma auch ihren Verwaltungssitz hatte. 1974 brach in der Produktionsstätte zu Pontives Feuer aus, ein Drittel von Fabrik und Warenbestand fielen den Flammen zum Opfer. Inzwischen ist die Firma Sevi Teil des multinationalen „Trudi“-Konzerns.

Seit 1969 wird Handarbeit durch eine Schutzmarke („entirely hand carved“) geschützt. Der 1994 ins Leben gerufene Künstlerverband UNIKA soll die Wertschätzung von Einzelstücken anheben. Obwohl die Holzindustrie in den letzten Jahrzehnten eine Krisenzeit zu bewältigen hatte, konnte sich dieses alte Gewerbe bis heute erhalten. Dies ist eigentlich erstaunlich, denkt man an die vielfältigen Hausgewerbe, die in den verschiedensten Gegenden Tirols ausgeübt wurden und längst verschwunden sind.

Die Fachschule auf Plan da Tieja

Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in St. Ulrich die Holzbildhauerei für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgte, blieb St. Christina nach wie vor von der Spielwarenschnitzerei geprägt. Bis spät in die Nacht arbeiteten die Bauernfamilien am „penic“ um sich den lebensnotwendigen Zusatzverdienst zu erwirtschaften. Allerdings machte sich bereits seit längerer Zeit eine Krise der Spielzeugindustrie bemerkbar. Um diese meistern zu können, wurde 1895, nach Anregung des k.k. Handelsministeriums, ein Tierschnitzkurs eingerichtet. Die Schule war im Haus des Odl da Insom, der späteren Villa Schenk (neben dem Hotel Dosses) untergebracht. Nach nur zwei Jahren musste der Kurs bereits aufgegeben werden. Schuld waren mangelnde Beteiligung, v.a. aber der Widerstand der „Verleger“, die sich gegen eine Einführung neuer Holzspielzeugarten sträubten. Rund 10 Jahre später, im Februar 1907, startete das Unterrichtsministerium einen zweiten Versuch, diesmal unter einem besseren Stern: Eine Schule für Zeichnen und Modellieren wurde für die Gemeinden St. Christina und Wolkenstein im Haus Domur auf Plan da Tieja eröffnet. Anfangs unterstand sie der Leitung der Fachschule von St. Ulrich. Die Gemeinden nahmen die Schule begeistert auf. 1907 ließ die Gemeinde Wolkenstein am Plan da Tieja, in günstiger Lage zur Gemeinde St. Christina, ein neues Schulgebäude erbauen. Die Baukosten von rund 90.000 Kronen sowie Beleuchtungs- und Heizkosten oblagen den Gemeinden. Zur Tilgung der Zinsen steuerte die Regierung jährlich 2000 Kronen, in den Kriegsjahren 1500 Kronen, bei. Für Lehrergehälter und Unterrichtsmaterial kam ebenfalls der Staat auf. Am 15. November 1908 wurde die neue Schule feierlich eröffnet. Erster Direktor war Oskar Ritter v. Felgel. 1909 löste man die k.k. Fachschule für Zeichnen und Modellieren in Wolkenstein aus ihrer Abhängigkeit von der Fachschule St. Ulrich. Von 1909 bis 1939 stand die Schule unter der Leitung von Leo Delago aus St. Ulrich.

Die Anstalt umfasste mehrere Abteilungen. Die erste hatte sich zum Ziel gesetzt „tüchtige Kräfte für die Heimindustrie heranzubilden, die befähigt sind, die bisherigen Spielwaren zu verbessern und neuen Typen denselben anzugliedern.“ Heimarbeiterkinder ab 14 erhielten nach einem einjährigen Vorbereitungskurs einen dreijährigen Zeichen-, Schnitz- und Modellierunterricht, wobei v.a. die „kleine Plastik“, d.h. Holzspielzeug, besondere Berücksichtigung fand. Das Schuljahr dauerte vom 15. September bis 15. Juli. In einer weiteren Abteilung wurden die Kinder der letzten beiden Volksschulklassen der Gemeinden St. Christina und Wolkenstein in Zeichnen und Modellieren unterrichtet, „um somit eine Art Vorbereitung für den Schnitzunterricht anzubahnen.“ Dritte Abteilung war ein „kommerzieller Jahreskurs für Knaben und Mädchen“, mit Unterricht vom 3. November bis 30. April. Die besten Schnitzarbeiten der Schüler wurden in einer eigenen Ausstellung von Ende Juli bis Ende August ausgestellt. Ortsführer beschreiben diese durchaus als „sehenswert“. Zum Lehrkörper gehörten 1914 Leo Delago (kaufmännische Fächer) und Albino Pitscheider (Modellieren, Zeichnen, Schnitzen). Als zusätzliche Schnitzlehrer wurden 1918 Luis Senoner (de Ronch) und ab 1928 Johann Delago (ein Sohn des Leo Delago) angestellt. Während der Kriegsjahre gingen die Schülerzahlen drastisch zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Schule der italienischen Regierung unterstellt. 1943 wurde viel Lehrpersonal ausgewechselt, neuer Direktor wurde Engelbert Ploner. Der Einsatz einheimischen Lehrpersonals und die Anpassung des Lehrplans an die Bedürfnisse der heimischen Industrie bewirkten, dass sich die Schule bis heute halten konnte. Über viele Jahrzehnte hat sie Generationen von Schülern nicht nur künstlerisches Können, sondern auch eine grundlegende Allgemeinbildung vermittelt.

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